Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit zielen oft auf die Optimierung bestehender Strukturen (z.B. CO2-Reduktion, Verringerung von Müll) ab. Solche Optimierungen können aber dazu beitragen, dass der Status Quo weiter zementiert wird. Dadurch können sie im schlimmsten Fall wirklich nachhaltige Entwicklungen sogar blockieren.

Das Schlagwort „Nachhaltigkeit“ ist in allen Bereichen der Gesellschaft angekommen und die Nachfrage nach sozial und ökologisch verträglichen Angeboten seitens der Kund*innen steigt. Entsprechend werben immer mehr Unternehmen mit nachhaltigen Produkten aller Art (Autos, Kleidung, Lebensmittel, etc.) und Europaweit beschließen Regierungen diverse „Green Deals“ und „öko-soziale“ Reformen, um die drängenden Umweltprobleme zu lösen. All diese Entwicklungen zeugen von einem steigenden Bewusstsein, dass der gegenwärtige Umgang mit Ressourcen (z.B. Umweltverschmutzung durch Müll, Klimawandel-Beschleunigung durch CO2-Ausstoß, Zerstörung von Lebensräumen) nicht zukunftsfähig ist und tiefgehende Veränderungen notwendig sind.

Viele der derzeit angestoßenen Veränderungsmaßnahmen bringen aber keinen echten Strukturwandel, sondern sie versuchen, innerhalb der bestehenden Strukturen (z.B. Unternehmen, Wirtschaftssysteme) Probleme zu reduzieren und Schaden zu minimieren. In diesem Zusammenhang entstehen auch immer mehr Beratungsunternehmen, die Messinstrumente und Maßnahmen zur CO2-Einsparung anbieten, um den ökologischen Fußabdruck der Kunden-Firmen zu verringern. Beispielsweise wird versucht, den Anteil an recycelten Materialien in Plastikflaschen zu erhöhen, statt Mehrwegsysteme zu schaffen. Es werden weiterhin Entwicklungskosten in Autos mit Verbrennungsmotoren gesteckt und Straßen ausgebaut, statt großflächig alternative Mobilitätskonzepte zu entwickeln. Oder Fast-Fashion-Ketten bieten ihre Kleidung mit einem (oft marginalen) Anteil an Bio-Baumwolle an, statt beispielsweise die Anzahl der Kollektionen zu reduzieren.

Die Optimierung und Reduktion von CO2, Abfall, etc. ist natürlich grundsätzlich sinnvoll. Allerdings sind, wie zahlreiche wissenschaftliche Studien (v.a. IPCC, 2021) eindrucksvoll und eindeutig zeigen, drastischere Maßnahmen und radikalere Veränderungen notwendig, um den drohenden Umweltkatastrophen wirklich etwas entgegenzusetzen. Plakativ formuliert reicht es nicht, wenn eine Ölfirma Solarzellen auf ihrem Dach installiert, um bei der Beleuchtung der Büroräumlichkeiten Strom zu sparen, wenn gleichzeitig das Kerngeschäft – Förderung von und Handel mit fossilen Brennstoffen – unverändert bleibt.

Wenn Unternehmen zu stark auf das Optimieren bestehender Strukturen setzen, kann das für Nachhaltigkeit sogar von Nachteil sein: Es sind oft Zeit und finanzielle Investitionen notwendig, um bestehende Strukturen weniger schädlich zu machen (z.B. Solarzellen am Dach einer Produktionshalle, um den Strom für die Produktion zu generieren). Wenn dann viele Ressourcen in die Optimierung von schlechten Strukturen fließen, können weniger Ressourcen in echte Erneuerung, in strukturellen Wandel oder Aus- und Umstiege investiert werden. Nicht zuletzt gibt es hier den psychologischen Effekt, dass man sich wohl ungern von Gewohnheiten und Strukturen trennt, die gerade erst „erneuert“ wurden. Darüber hinaus werden mit Optimierungsmaßnahmen Probleme kaschiert und weiter hinausgezögert.

Es ist ein bisschen so wie bei einer Krankheit, die durch einen bestimmten Lebenswandel (z.B. Stress, Ernährungsgewohnheiten) verursacht wird: Am Anfang, wenn die Symptome noch nicht so stark sind, kann man sich mit Schmerztabletten oder anderen oberflächlichen Behandlungen behelfen und sein Leben weiterleben, wie bisher. Wenn man aber eben so weitermacht wie bisher und die wahren Ursachen nicht bekämpft werden, schreitet trotzdem im Hintergrund die Krankheit immer weiter fort und wird immer schwerer zu kurieren. Irgendwann lassen sich dann auch die Symptome nicht mehr ignorieren. Wieder umgelegt auf das Thema Nachhaltigkeit bedeutet das, Optimierungen nicht nachhaltigen Strukturen können dazu beitragen, dass der zerstörerische Status Quo noch weiter zementiert statt wirklich verändert wird.

Um die Klima- und Umweltziele wirklich erreichen zu können, ist es definitiv nicht genug, „etwas weniger schädlich“ zu handeln. Stattdessen müssen viele Unternehmen alte Pfade verlassen und neue, wirklich regenerative Geschäftsmodelle entwickeln. Auch wenn CO2-Einsparungen und andere Optimierungen natürlich „besser als nichts“ sind, können sie nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu wirklich nachhaltigen Strukturen sein.

Wenn Sie als Unternehmer*in oder Entscheidungsträger*in also tatsächlich zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen möchten, sollten Sie Optimierungen als Überbrückungsmaßnahmen sehen, aber zumindest mittelfristig radikalere Veränderungen anstreben. Das erfordert möglicherweise, Ihr Geschäftsmodell völlig zu überdenken und ausgehend von den bestehenden Kernkompetenzen zu überlegen, welche alternativen Angebote Sie Ihren Kund*innen machen könnten. Viele innovative Ideen dazu liefern beispielsweise die Vision 2050 des WBCSD oder das Konzept der Circular Economy („Kreislaufwirtschaft“, Ellen MacArthur Foundation).

Quellen:

Bericht des Intergovernmental Panal on Climate Change (IPCC, 2021): https://www.ipcc.ch/sr15/chapter/spm/

Vision 2050 des World Business Council for Sustainable Development (2021): https://www.wbcsd.org/Overview/About-us/Vision-2050-Time-to-Transform

Materialien für Unternehmen, Ellen MacArthur Foundation for the Circular Economy: https://ellenmacarthurfoundation.org/resources/business/overview

Ein Kommentar zu „Nachhaltiger Wandel: Das Optimieren von bestehenden Strukturen kann tiefergehende Veränderungen blockieren

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