Veränderungen im Bausektor: Wird im „Neuen Europäischen Bauhaus“ auf Holz gebaut?

Am 26.11.2020 führte Barbara Toth ein „Wiener Stadtgespräch“ mit dem Klimaforscher Prof. Hans Joachim Schellnhuber zum Thema Klima und Corona – die Geschichte zweier Krisen. In diesem Gespräch erwähnte Schellnhuber seinen – nach eigenen Angaben – „vielleicht wichtigsten wissenschaftlichen Artikel“, erschienen als Churkina et al. (2020) in der renommierten Fachzeitschrift Nature Sustainability, der das Potenzial von Holzbau für den Klimaschutz analysiert. Schellnhuber berät neben dem Papst und anderen einflussreichen Persönlichkeiten auch EU-Kommissionsvorsitzende Ursula von der Leyen, die in einer Rede vom 3.12.2020 die Bedeutung eines „Neuen Europäischen Bauhaus“ für den European Green New Deal, die europäische Nachhaltigkeitsstrategie, hervorhob. Was steht nun konkret in dem von Schellnhuber erwähnten Nature-Artikel (Churkina et al., 2020)? Und welche Chancen ergeben sich daraus für Veränderungen in der Bauindustrie?

Einige Kernaussagen des Artikels

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf 2,3 Milliarden Menschen angesteigen und immer mehr Menschen werden Wohnraum benötigen. In den Industrienationen steigt außerdem die Anzahl der m² pro Kopf an Wohnfläche. Derzeit sind Stahl und Zement die wichtigsten Baumaterialien – beide haben allerdings einen enormen CO2 Fußabdruck (2014: 1,740 Mt CO2-Ausstoß für Stahl und 1,320 Mt für Zement), ihre Herstellung hat viele zusätzliche negative Konsequenzen (Abfall, Erosion, Abholzung, …) und weder Stahl noch Zement speichern nennenswerte Mengen an Kohlenstoff. Studien zufolge werden bei unveränderter Bauweise mit Stahl und Zement deshalb zwischen 35-60% des noch verfügbaren CO2 Budgets (für das 2-Grad Ziel der Erderwärmung) in den Bausektor fließen. Damit sind Veränderungen im Bausektor einer der wichtigsten Hebel bei Veränderungen zur Erreichung der Klimaziele.

Churkina und KollegInnen (2020) schlagen ein radikales Gedankenexperiment vor: Könnte man Gebäude als „Global Carbon Sink“, als globalen Kohlenstoff-Speicher nutzen? Wenn es gelingt, eine große Anzahl von Gebäuden mit Holz zu bauen, könnte damit CO2 (im Vergleich zu Stahl und Zement) drastisch eingespart werden. Darüber hinaus könnten die Holzgebäude große Mengen an Kohlenstoff speichern – bis zu 0,68 Gt pro Jahr. Außerdem würde die gesteigerte Nachfrage nach Holz zu einer massiven globalen Aufforstung führen, wodurch wiederum CO2 gebunden würde. Aufgrund ihrer Modellberechnungen attestieren die AutorInnen Holzgebäuden deshalb ein hohes Potenzial als Kohlenstoff-Speicher und viele weitere soziale und ökologische Vorteile. Ursula von der Leyen teilt offenbar diese Einschätzung: In einem Gastbeitrag in der FAZ vom 17.10.2020 schreibt sie vom „Neuen Europäischen Bauhaus“ als einer „Bauwirtschaft im Einklang mit der Natur, die auf natürliche Materialien wie Holz oder Bambus setzt“.

Welche Veränderungschancen ergeben sich daraus für die Bauindustrie?

Der Schwerpunkt von Churkina et al.’s Artikel liegt auf Modellberechnungen von CO2 Ausstoß und Kohlenstoff-Speicherung und potenzielle (bzw. notwendige) Veränderungen der Bauindustrie werden nur angerissen. Hier sind einige weitere Gedanken dazu.

Materialinnovationen. Damit Holz in großem Ausmaß eingesetzt werden kann, muss es als Baumaterial gut nutzbar sein. Dem Artikel zufolge hat Holz einige Eigenschaften, die es als Baumaterial lange Zeit als weniger attraktiv erscheinen ließen (Aufnahme und Abgabe von Wasserdampf, Veränderung aufgrund der Luftfeuchtigkeit, Größenunterschiede, Brennbarkeit). In der Zwischenzeit wurden viele neue, innovative Verarbeitungsmethoden entwickelt, um Holzbretter (mit Lamellen) zu größeren Stücken zu verbinden, es durch große Hitze feuerfest zu machen oder durch Hohlräume eine ideale Isolierung zu erreichen. Um eine große Anzahl von Gebäuden aus Holz zu bauen, wird es viele Unternehmen (z.B. Sägewerke) brauchen, die die Baumaterialien zur Verfügung stellen.

Holz als Rohstoff. Der steigende Bedarf von Holz als Rohmaterial führt zu einer steigenden Bedeutung der Waldwirtschaft, inklusive Beforstungs- und Wiederaufforstungsplänen, sowie der dazugehörigen Transportlogistik. Wenn ganze „Holzstädte“ gebaut werden sollen, wird dafür ein intelligentes „Waldmanagement“ erforderlich sein, um Wälder nachhaltig mit dem gewünschten Holz zu bewirtschaften. Churkina et al. (2020) plädieren dafür, dass das Holz so lange wie möglich erhalten bleibt, da bei dessen Verbrennung ja wieder CO2 freigesetzt wird. Das langfristige Ziel sollte daher Recycling von Holz sein – ein Bereich, der ebenfalls neue Geschäftsfelder eröffnet: Unternehmen könnten sich darauf spezialisieren, gebrauchtes Bauholz zu sammeln und wieder für neue Bauprojekte auf den Markt zu bringen.

Design und Architektur. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Materialeigenschaften brauchen Gebäude aus Holz andere Grundrisse und Tragwerke als Stahl- und Betonbauten. Neben diesen funktionalen Unterschieden, ergeben sich daraus neue Möglichkeiten – und natürlich auch Grenzen – der ästhetischen Gestaltung, die es von DesignerInnen und ArchitektInnen auszuloten gilt. In ihrem FAZ-Artikel schreibt von der Leyen von einer „Architektur, die sich naturnahe Formen und Konstruktionsprinzipien zu eigen macht, die von Anfang an auf Wechselwirkungen in Ökosystemen Rücksicht nimmt, die Nachhaltigkeit und Wiederverwendbarkeit von Anfang an einplant“.

Nicht zuletzt wird es auf den politischen Willen der jeweiligen Stadt- und Bundesregierungen ankommen, Siedlungen oder ganze Städte aus Holz zu bauen und öffentliche Aufträge entsprechend zu vergeben. In jedem Fall ergeben sich aber aus Churkina et al.’s Gedankenexperiment und von der Leyen’s „Neuem Europäischen Bauhaus“ viele spannedne Entwicklungsmöglichkeiten für Unternehmen im Baubereich.

Churkina, G., Organschi, A., Reyer, C.P.O. et al. Buildings as a global carbon sink. Nat Sustain 3, 269–276 (2020). https://doi.org/10.1038/s41893-019-0462-4


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