Nachhaltiger Wandel braucht neue wirtschaftliche Ökosysteme

Derzeit findet in vielen gesellschaftlichen Bereichen ein Umdenken in Richtung mehr Nachhaltigkeit statt. Von internationalen Organisationen werden ambitionierte Ziele gesetzt (z.B. SDGs der UN Agenda 2030) und Visionen entwickelt, wie diese Ziele erreicht werden können (z.B. WBCSD Vision 2050). Viele Maßnahmen zielen darauf ab, dass einzelne Menschen ihr Verhalten ändern (z.B. nachhaltiger konsumieren) oder dass Unternehmen nachhaltiger werden (z.B. weniger CO2 ausstoßen). Aber auch wenn das Bewusstsein in der breiten Bevölkerung steigt, dass es neue Formen des Wirtschaftens braucht, viele Menschen bewusster konsumieren und immer mehr einzelne Unternehmen sozial verantwortlicher und nachhaltiger agieren, erscheint das Erreichen der ambitionierten (und notwendigen) Veränderungsziele oft wie eine schier unlösbare Mammut-Aufgabe. Wo soll die Veränderung ansetzen?

Kurt Lewin, einer der bedeutendsten Sozialforscher des vergangenen Jahrhunderts und einer der wichtigsten Vordenker zum Thema sozialer Veränderungsprozesse, schrieb 1943, die jeweils gegenwärtige Situation in einem sozialen System sei nichts Statisches, sondern ein lebendiger Vorgang, ähnlich einem Fluss, der sich fortwährend bewegt und doch seine erkennbare Form behält. Genau so, wie die Beschaffenheit des Flussbetts und der Wasservorrat des Flusses seine Konstanz und seinen Wechsel immer wieder bestimmen, determinieren gesellschaftliche Strukturen Tag für Tag das Verhalten der Menschen. Das beobachtbare Verhalten ist nur das Epiphänomen – das eigentlich Interessante, wenn es um das Thema Veränderungen geht, sind die zugrundeliegenden Strukturen (vgl. Lewin, 2012, S. 208ff).

Während Lewin in seinen Theorien keine Aussagen über die Beschaffenheit von Industriestrukturen machte, hat sich in jüngerer Vergangenheit eine Forschungsrichtung entwickelt, die sich mit „Sustainability Transitions“ (Köhler et al., 2019) befasst, also mit Veränderungen gesamter Wirtschaftszweige in Richtung Nachhaltigkeit. Eines der bekanntesten Modelle ist dabei die Multi-Level-Perspektive (Geels & Schot, 2007), die beschreibt, wie sozio-technologischer Wandel vonstatten geht. Bleibt man bei Lewin‘s Analogie des Flussbettes, so spricht die Multi-Level-Perspektive vom vorherrschenden ‚sozio-technischen Regime‘, das die Handlungen der Wirtschaftsakteure vorgibt. Das Regime ist das in einem Industriebereich dominante System aus unterschiedlichsten Akteuren (Unternehmen, Bildungseinrichtungen, Regierung, Medien, etc.), die nach etablierten formalen und informellen Regeln interagieren. Diese Interaktionen sind oft hochgradig routinisiert und in Bezug auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit optimiert. In den meisten Wirtschaftsbereichen sind diese sozio-technischen Regime nicht auf Nachhaltigkeit sondern auf maximalen Profit ausgerichtet. Das macht es einzelnen Akteuren schwer, nachhaltige Veränderungen umzusetzen. Beispielsweise kann ein Hotelbetrieb, der nachhaltig agieren möchte, zwar Konzepte zur Müllreduktion und zum Energiesparen entwickeln. Bezüglich der Reinigung (Handtücher, Bettwäsche, etc.) und der Lebensmittel, die er anbietet ist er aber auf ‚nachhaltige Zulieferer‘ (z.B. regionale, saisonale Ware) angewiesen. Wenn es diese Zulieferer nicht gibt, ist es für den Hotelbetrieb schwer, wirklich nachhaltig zu sein.

Lewin argumentierte, dass Veränderungen in sozialen Systemen nicht bei einzelnen Akteuren (z.B. einzelnen KonsumentInnen, einzelnen Unternehmen) ansetzen sollten, die gegen die vorherrschenden Feldkräfte angehen, sondern dass es leichter ist, das soziale System als Ganzes zu verändern. Das bedeutet, um die Masse der Menschen zu nachhaltigerem Verhalten zu bewegen, müssen Industriestrukturen – das dominante sozio-technische Regime – verändert werden. Was zunächst relativ banal klingen mag, ist bei genauerer Überlegung aber ein zentraler Unterschied zu vielen derzeitigen Veränderungsinitiativen: Es geht nicht (vorrangig) darum, einzelne Menschen zu verändern, wie es die Umweltpsychologie versucht, oder einzelne Unternehmen zu verändern, was oft das Ziel von ‚Sustainability Management‘ ist. Es geht vor allem darum Verbindungen zwischen Akteuren im Regime zu verändern und neue, nachhaltigere Verbindungen aufzubauen. Anstatt dass also ein einzelnes Hotel versucht, nachhaltiger zu wirtschaften, wäre es sinnvoller, dass sich die relevanten Stakeholder der Tourismus-Industrie einer Region zusammenschließen, um gemeinsam darüber nachzudenken, wie ein wirklich nachhaltiges Angebot in dem Bereich aussehen kann, welche neuen Produkte und Dienstleistungen dafür erforderlich sind und wie neue Verbindungen zwischen Akteuren aufgebaut werden können.

Es geht es also darum, das wirtschaftliche Ökosystem zu gestalten und—um bei Lewin’s Metapher zu bleiben—dadurch ein neues Flussbett zu schaffen, sodass der gesamte Fluss in eine andere Richtung fließt: hin zu mehr Nachhaltigkeit.

Geels, F. W., & Schot, J. (2007). Typology of sociotechnical transition pathways. Research Policy, 36(3), 399–417.

Köhler, J., Geels, F. W., Kern, F., Markard, J., Onsongo, E., Wieczorek, A., Alkemade, F., Avelino, F., Bergek, A., Boons, F., Fünfschilling, L., Hess, D., Holtz, G., Hyysalo, S., Jenkins, K., Kivimaa, P., Martiskainen, M., McMeekin, A., Mühlemeier, M. S., … Wells, P. (2019). An agenda for sustainability transitions research: State of the art and future directions. Environmental Innovation and Societal Transitions, 31, 1–32.

Lewin, K. (2012). Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Ausgewählte theoretische Schriften. Psychologie Klassiker. Verlag Hans Huber.


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